Ein Gespräch in Rheinhessen über Tradition, Lebensfreude und alkoholfreien Wein
Rheinhessen ist mit rund 27.500 Hektar Rebfläche das größte deutsche Weinbaugebiet. In rund 2.000 Weingütern und Winzerbetrieben wird zwischen Mainz, Worms und Bingen Weinbau betrieben.
Viele Betriebe stehen zunehmend unter erheblichem Druck. Die Gründe dafür sind z. B. die int. Konkurrenz, wirtschaftliche Unsicherheiten, klimatische Veränderungen und nicht zuletzt, die umfangreiche Bürokratie. Dennoch führen viele junge rhein- hessische Winzerfamilien mit Kreativität, Mut und neuen Ideen ihre Weingüter in die Zukunft.
Genau über diesen Spannungsbogen zwischen gewachsenen Traditionen und Innovationsfreude führten Herausgeberin Daniela Ringe, Mediatorin Dr. Angela Scheugenpflug und Weinbruder Dr. jur. Martin Scheugenpflug eine lebhafte Diskussion zu den Themen des klassischen Weingenusses, Sektkultur, moderne alkoholfreie Alternativen bis zu hochwertigen Traubensäften.
Dr. Martin Scheugenpflug: „Schon die Römer wussten die Region rund um Rheinhessen und den Wonnegau zu schätzen. Aber was ist Wein heute eigentlich für uns – Kulturgut, Wirtschaftsfaktor oder einfach Genussmittel?“
Dr. Angela Scheugenpflug: „Für mich ganz klar alles zu- sammen. Wein gehört zu Rheinhessen wie die Weinberge selbst. Viele Familien haben über Generationen hinweg etwas aufgebaut – oft mit harter körperlicher Arbeit, Leidenschaft, Mut und großem persönlichem Risiko. Wenn man heute durch die Region fährt, sieht man ja nicht nur Reben, sondern Familiengeschichte und Tradition.“
Daniela Ringe: „Und genau deshalb berührt Wein Menschen auch emotional so stark. Ein gutes Glas Wein steht oft für Entspannung, Geselligkeit, gutes Essen, Gespräche und gemeinsame Zeit. Wein ist nicht einfach nur ein Getränk – er ist häufig Teil unserer Lebensqualität und unserer Kultur.“
Dr. Martin Scheugenpflug: „Benötigt Rheinhessen mehr alkoholfreie Trinkkultur und ist das vielleicht sogar eine Chance für Rheinhessen und den Wonnegau?“
Dr. Angela Scheugenpflug: „Unbedingt. Ich glaube sogar, dass darin enormes Potenzial steckt. Rheinhessen war schon immer stark, wenn Tradition und Innovation zusammengefunden haben. Warum sollten unsere Winzer nicht noch viel stärker alkoholfreie Verkostungen oder sogar mal Blind-Tastings an- bieten?“
Daniela Ringe: „Das wäre tatsächlich spannend.“
Organisationen rund um den Wein – Wein als Kultur- und Genussmittel wird von Staat und Gesellschaft mitgetragen, gelebt und gepflegt
Rund um den Wein existiert seit Jahrzehnten ein dichtes Netz aus staatlichen Einrichtungen, Wirtschaftsverbänden und kulturellen Vereinigungen.
Zu den bekannten Einrichtungen gehören unter anderem das Deutsche Weininstitut (DWI) in Bodenheim, regionale Weinbauverbände, Genossenschaften, Weinorden sowie zahlreiche kulturelle Vereinigungen und Netzwerke, die sich der Pflege deutscher Weinkultur widmen. Daneben existieren in ganz Deutschland viele Weinbruderschaften, Weinkonvente, Weinzünfte, Weinkollegien, Weinverbände und regionale Weinclubs, die Wein nicht nur als wirtschaftliches Produkt, sondern auch als Kulturgut und Ausdruck regionaler Identität verstehen.
Dr. Angela Scheugenpflug: „Stellen Sie sich das einmal vor: klassische Weine neben alkoholfreien Varianten – und die Gäste versuchen herauszuschmecken, was was ist. Ich glaube, viele Menschen wären überrascht, wie hochwertig und nah am klassischen Geschmack manche Produkte inzwischen geworden sind.“
Dr. Martin Scheugenpflug: „Bei all der Diskussion über Wein und alkoholfreie Alternativen geraten die Traubensäfte fast in Vergessenheit. Ein hochwertiger Traubensaft aus Rheinhessen ist womöglich nicht nur regionaler und nachhaltiger als mancher importierte Orangensaft – sondern hinterlässt durch kurze Transportwege oft auch einen deutlich besseren ökologischen Fußabdruck.“
Daniela Ringe: „Gerade in Rheinhessen gibt es wunderbare Traubensäfte mit viel Aroma und Charakter. Viele Menschen verbinden damit Kindheit, Herbst, Weinlese und regionale Tradition.“
Dr. Angela Scheugenpflug: „Absolut. Und zugleich unterschätzen viele völlig, wie hochwertig und vielseitig gute Traubensäfte heute sind. Auch hier steckt die Qualität der Region, der Böden und der Trauben dahinter.“
Dr. Martin Scheugenpflug: „Bei all diesen Entwicklungen darf man eines nicht vergessen: Viele Winzer stehen heute wirtschaftlich enorm unter Druck. Internationale Konkurrenz, steigende Kosten, nationale und europäische Bürokratie – all das belastet die Betriebe.“
Daniela Ringe: „Absolut. Deshalb verdient die Arbeit der Winzer auch viel mehr Wertschätzung. Viele Familien kämpfen täglich dafür, ihre Betriebe weiterzuführen und gleichzeitig höchste Qualität zu liefern.“
Dr. Angela Scheugenpflug: „Und genau deshalb finde ich die Entwicklung alkoholfreier Produkte auch so spannend. Sie eröffnet vielen Betrieben zusätzliche Möglichkeiten und neue Zielgruppen – ohne die traditionelle Weinkultur aufzugeben.“
Dr. Martin Scheugenpflug: „Nun kommen wir zur vielleicht spannendsten Frage des Abends: Ist alkoholfreier Wein nur ein kurzfristiger Trend – oder erleben wir gerade einen echten gesellschaftlichen Wandel?“
Daniela Ringe: „Ich gebe zu: Früher war ich skeptisch. Viele alkoholfreie Weine konnten geschmacklich einfach nicht mithalten. Wein lebt auch von Tiefe, Charakter und Atmosphäre.“
Dr. Angela Scheugenpflug: „Das stimmt – aber genau da haben die Winzer enorm aufgeholt. Ich finde es beeindruckend, was viele rheinhessische Betriebe inzwischen entwickeln. Ähnlich wie beim alkoholfreien Bier merkt man heute bei manchen Produkten kaum noch einen Unterschied. Da steckt unglaublich viel Know-how dahinter.“
Gemeinsames Schlusswort
Ob klassischer Wein, festlicher Sekt, moderne alkoholfreie Alternativen oder hochwertige Traubensäfte – Rheinhessen lebt von der Vielfalt, Genusskultur, Gastfreundschaft und gegenseitigem Respekt.
Traditionelle Weinliebhaber und alkoholfreie Genießer können problemlos gemeinsam an einem Tisch sitzen, und beide tragen dazu bei, dass die rheinhessische Weinkultur lebendig bleibt.
Text: Daniela Ringe
Bilder: mit KI bearbeitet
Stellungnahme des Juristen Martin Georg Scheugenpflug: Recht und Verantwortung im Straßenverkehr
„Verantwortung bedeutet vor allem: Wer Alkohol trinkt, sollte konsequent auf die Teilnahme am Straßenverkehr verzichten.
Es gibt heute so viele gute Möglichkeiten, sicher nach Hause zu kommen: öffentliche Verkehrsmittel, Taxi, Fahrgemeinschaften, oder man wählt die alkoholfreien Alternativen. Genuss und Sicherheit schließen sich nicht aus – im Gegenteil. Bereits kleine Mengen Alkohol können die Fahrtüchtigkeit beeinflussen. Wie stark Alkohol wirkt, hängt unter anderem von Körpergewicht, Geschlecht, Ernährung und individueller Veranlagung ab.
Mein Appell lautet deshalb eindeutig: „Bewusst genießen – und sicher nach Hause kommen.“
Genuss, Gesundheit und psychische Lebensqualität: Blick aus psychologischer Sicht von Franz Josef Scheugenpflug, klinische Psychologie
„Vielleicht liegt die vernünftige Wahrheit – wie so oft – auch hier in der Mitte. Ähnlich wie beim Bier gilt wohl auch beim Wein: Entscheidend sind Maß, Verantwortungsbewusstsein und ein bewusster Umgang damit.
Denn neben allen Diskussionen über Alkohol oder alkoholfreie Alternativen darf man eines nicht vergessen: Gemeinsame Genussmomente, Gespräche, Entschleunigung und das bewusste Zur-Ruhe-Kommen gehören auch zur psychischen Lebensqualität des Menschen.
Psychologisch betrachtet entsteht Atmosphäre ohnehin nicht allein durch Alkohol. Vieles spielt sich im Kopf ab: Rituale, Gerüche, Musik, Licht, soziale Nähe, Gespräche und die bewusste Entscheidung, sich einen schönen Moment zu gönnen.
Deshalb können auch alkoholfreie Weine oder Sekte für viele Menschen ein echtes Gefühl von Genuss, Entspannung und Geselligkeit schaffen.
Ein gutes Essen in angenehmer Gesellschaft, ein ruhiger Abend, das Abschalten vom Alltag – und ein Getränk, das die Seele nährt – das sind Dinge, die vermutlich jeder Arzt im übertragenen Sinne gerne ‚verschreiben‘ würde.“








