Mediation zum Innehalten, Klären, Dranbleiben.
Herausgeberin des wmʼs Daniela Ringe im Gespräch mit der zertifizierten Mediatorin Dr. jur. Angela Scheugenpflug
Fastenzeit als Chance: mehr Klärung, mehr Frieden
Daniela Ringe: Die Fastenzeit steht für Innehalten und bewusste Entscheidungen. Warum ist sie aus Ihrer Sicht ein guter Zeitpunkt, um familiäre Konflikte anzuschauen?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Weil Innehalten eine Qualität hat, die im Alltag oft fehlt. Konflikte entstehen nicht plötzlich, sie entwickeln sich über längere Zeiträume. Erwartungen, Rollenbilder, Verletzungen bleiben bestehen, wenn sie nicht bewusst geklärt werden. Die Fastenzeit lädt dazu ein, genau hinzuschauen: Was belastet? Was trägt nicht mehr? Und was benötigt eine neue Ordnung? Wie finden alle Beteiligten wieder ihren inneren Frieden?
Konflikte verschwinden nicht – sie verändern ihre Form
Daniela Ringe: Viele hoffen dennoch, dass sich Konflikte mit der Zeit erledigen.
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Das ist meist nicht realistisch. Was nicht angesprochen wird, verschwindet nicht. Konflikte zeigen sich unterschiedlich: leise durch Rückzug und Schweigen, laut durch Poltern, Schreien oder heftiges Streiten. In manchen Fällen auch durch psychische Grenzverletzungen oder körperliche Gewalt. Das sind Ausdrucksformen eskalierter Konfliktdynamiken.
Grenzen der Mediation: Sicherheit geht vor
Daniela Ringe: Kann Mediation auch bei Eskalation helfen?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Mediation hat klare Grenzen. Akute körperliche Gewalt oder fehlende Sicherheit sind kein geeigneter Rahmen für Mediation. Sicherheit hat stets Vorrang. Gleichzeitig gibt es viele Situationen, in denen Eskalation aus Überforderung, Ohnmacht oder lang angestautem Druck entsteht. Dort kann Mediation helfen – wenn sie verantwortungsvoll aufgebaut ist.
Nicht sofort gemeinsam: das passende Setting finden
Daniela Ringe: Was heißt das konkret in der Praxis – gerade bei hoch eskalierten oder lang anhaltenden Konflikten?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Nicht sofort alle Beteiligten an einen Tisch zu setzen. In solchen Situationen beginne ich häufig mit Einzelgesprächen, sogenannten Shuttle-Phasen. Manchmal sitzt nur eine Partei am Tisch, später dann alle gemeinsam. Das Setting hängt von der Situation, der Eskalationsstufe und der Gesprächsbereitschaft ab. So lassen sich Dynamiken verstehen, Verantwortung klären und Grenzen deutlich machen. Gewalt wird dabei weder relativiert noch übergangen.
Mediation ist ein Prozess – Orientierung und Verbindlichkeit
Daniela Ringe: Warum arbeiten Sie über mehrere Termine hinweg?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Weil nachhaltige Veränderung Zeit benötigt. In der Mediation kommt thematisch zunächst alles auf den Tisch – ohne Bewertung, ohne vorschnelle Lösungen. Das ist meist erst der Anfang. Mediation verläuft in Phasen, und diese sollten idealerweise auch vollzogen werden. Erst dadurch entstehen Orientierung und Verbindlichkeit. Mediation wird so zu einem Friedensprozess.
Gedanken zur Symbolik der Hofübergabe
Sprache, die Türen öffnet
Ratschläge der Mediatorin für wertschätzende Kommunikation
Eine andere Sprache ist manchmal der Türöffner für Veränderung. Das ist noch keine Lösung – und dennoch öffnen Sätze wie diese ein neues Gespräch, ohne zu eskalieren:
- „Ich höre, dass dich das sehr belastet.“
- „Ich sehe, wie viel Verantwortung du trägst.“
- „Ich merke, dass mich/dich dieses Thema gerade sehr bewegt.“
- „Ich benötige einen Moment, um das Gesagte einzuordnen.“
- „Mir ist wichtig, dass wir darüber sprechen, ohne einander zu verletzen.“
Diese Sätze lösen keinen Konflikt – aber sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Klärung möglich wird.
Zwischen den Terminen: neue Wege erproben
Daniela Ringe: Was passiert zwischen den Sitzungen?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Zwischen den Sitzungen können bereits neue Kommunikationsformen ausprobiert werden. Manchmal gibt es Zwischenvereinbarungen, die sich im Alltag bewähren sollen. Diese Erfahrungen werden in den Folgeterminen reflektiert und weiterentwickelt. Veränderung ist ein Weg, kein Ereignis.
Neue Orientierung statt alter Muster
Daniela Ringe: Sie sprechen vom „inneren Kompass“.
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Alte Muster geben Halt, auch wenn sie belasten. Wer sie verändern will, benötigt neue Orientierung. Der innere Kompass muss neu ausgerichtet werden. Mediation unterstützt das durch Reflexion, nicht durch Vorgaben. Lösungen werden gemeinsam entwickelt – und deshalb getragen.
Die Rolle der Mediatorin: Spiegel und Wertearbeit
Daniela Ringe: Welche Rolle haben Sie dabei als Mediatorin?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Ich begleite den Prozess. Ich bin ein Spiegel für die Beteiligten und helfe, Perspektiven sichtbar zu machen und auch Werte neu zu erarbeiten, damit wir wieder wertschätzend miteinander reden können. So entsteht in der Mediation ein Verstehensprozess, der im direkten Streit oft nicht mehr möglich ist. Der geschützte Rahmen der Mediation ermöglicht es, zu sprechen, ohne sich rechtfertigen oder schuldig fühlen zu müssen. Entscheidungen entstehen aus Einsicht, nicht aus Druck.
Externe Hilfe als Teil der Verantwortung
Daniela Ringe: Was, wenn zusätzliche Hilfe nötig ist?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Auch das kann ein Ergebnis der Mediation sein. Familienmediation ersetzt keine Therapie und kein Coaching. Familienmediation kann jedoch helfen, den richtigen nächsten Schritt zu erkennen und diesen strukturiert zu gehen – als Ausdruck der Verantwortung für die Familie und für die nächsten Generationen.
Warum Kontinuität wirkt
Daniela Ringe: Unsere Leserschaft interessiert besonders, warum Kontinuität in der Mediation so wichtig ist.
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Weil Konflikte sich über längere Zeit entwickeln – und sich ebenso nur allmählich auflösen lassen. Regelmäßige Termine schaffen Verbindlichkeit, Orientierung und Vertrauen. Erst dadurch werden neue Muster stabil und Beziehungen zukunftsfähig.
Fastenzeit, innerer Frieden und Familienfrieden
Daniela Ringe: Was geben Sie Familien in dieser Zeit mit?
Dr. jur. Angela Scheugenpflug: Die Fastenzeit lädt dazu ein, ehrlich hinzusehen. Mediation ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung und Reife. Durch Mediation können wir inneren Frieden finden – und damit oft auch den ersehnten Familienfrieden. Und manchmal ist genau das entscheidend: Die Seele kommt zur Ruhe. Der innere Seelenfrieden schafft Raum, in dem Beziehungen wieder frei atmen können.
Text: Daniela Ringe
PrimaMediation

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