Nibelungen-Festspiele 2026

Nach den Festspielen: Was bleibt von der „Hunnenkönigin?“

Die Nibelungenfestspiele 2026 haben Kriemhild ins Zentrum gerückt. Nicht als bloße Rächerin am Rande einer bekannten Heldensage, sondern als Frau, die nach Siegfrieds Tod im Hunnenreich Macht, Liebe und eine neue Sprache für sich entdeckt. Die Wormser Uraufführung „Die Hunnenkönigin“ von Oliver Lansley, inszeniert von James Seager und der Londoner Compagnie Les Enfants Terribles, setzte dabei auf einen ungewöhnlichen Mix aus Schauspiel, Tanz, Puppenspiel, Illusion und Live-Musik von Alice Merton und Alexander Wolfe.

Die Redakteurin des wmʼs und Autorin der autobiografisch-zeit genössischen Bücher „Im Land der 1000 Hügel“ und „Zwischen Türmen und Bluthohl“ Anne Michel hat die Vorstellung vor dem Dom live erlebt.

Herausgeberin des wmʼs Daniela Ringe spricht mit ihr über die Bilder hinter dem Spektakel und über die Fragen, die der Abend offenlässt:

Daniela Ringe: Frau Michel, Sie haben die „Hunnenkönigin“ beiden dies jährigen NFS live erlebt. In welchem Moment wurde Ihnen klar, dass dieser Abend nicht einfach Kriemhilds Rache weiter erzählt, sondern ihre Perspektive grundsätzlich verschiebt?

Anne Michel: Schon kurz nach Beginn der Aufführung. Die Burgunden feiern König Gunthers Geburtstag. Alles ist zu grell, zu laut, um glaubwürdig zu sein. Hagen lobt den mächtigen Herrscher in den höchsten Tönen. Er kann damit aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Herr ein sehr schwacher Mensch ist. Auch Ute, die Königinmutter, meldet sich ungebeten zu Wort. Sie belässt es in ihrer Rede, die immer wieder unterbrochen wird, bei Andeutungen über die offensichtliche Schwäche des Reiches und Brünhilds mysteriösen Tod. Ein laut vernehmliches Klopfen an der Tür unterbricht das vorgeblich ausgelassene Treiben. Kriemhild betritt blutüberströmt den Thronsaal und verdeutlicht unüberhörbar, dass sie endlich „reinen Tisch“ machen will.

Daniela Ringe: Das Stück zeigt Kriemhild zunächst als verschacherte Prinzessin und später als mächtigste Frau des Kontinents. Wirkt diese Entwicklung wie echte Selbst Ermächtigung oder wie die Übernahme jener Gewaltlogik, aus der sie eigentlich ausbrechen will?

Anne Michel: Um die Nachricht von Brünhilds Freitod zu über bringen, reist ihre Mutter Ute an Etzels Hof. Dort angekommen konfrontiert sie ihre Tochter mit ein paar unangenehmen Wahrheiten: „Es war dein geliebter Siegfried. So war der Deal. Und du warst der Preis.  Kriemhild erlangt zu der schmerzhaften Erkenntnis, dass Frauen in eine Welt hineingeboren werden, in der sie niemals eine Bedeutung erlangen werden.

Daniela Ringe: Die Hunnen erscheinen nicht als bloße „Barbaren“, sondern als Gesellschaft mit eigenen Ritualen, Tanz und Ordnung. Hat die Inszenierung diese Gegenwelt wirklich differenziert gezeigt oder bleibt der Culture Clash am Ende doch vor allem ein starkes Bühnenbild?

Anne Michel: Die unterschiedlichen Lebensumstände der beiden Völker wurden in den Bühnenbildern sehr deutlich dargestellt. Doch in den gesellschaftspolitischen Themen,   z. B. zur Stellung der Frauen, gibt es wenig Unterschiede. Hier wie dort überwiegt das „dynastische Prinzip“, wie Hagen mit folgendem Zitat deutlich macht: „Ein Kind festigt Bande. Es vereint Häuser.“

Daniela Ringe: Etzel wird als liebevoller, gebildeter Partner bezeichnet, nicht als das übliche Feindbild. Wie verändert sich der Blickpunkt auf Kriemhilds Entscheidung für das Hunnenreich und auf Worms als Ort der Geschichte?

Anne Michel: Etzel war mit Sicherheit nicht der liebevolle, gebildete Partner, sondern ein mächtiger und rücksichtsloser Herrscher mit rohen Gewaltexzessen. Die Darstellung im Stück „verbuche“ ich unter künstlerischer Freiheit. Kriemhild sehe ich weder Worms noch dem Hunnenreich zugehörig, sondern als Suchende. Ihrer alten Heimat beraubt, entwurzelt
und traumatisiert trauert sie um den Verlust einer Scheinwelt. Schmerzhaft muss sie erkennen, dass ihr glorifiziertes Trugbild von Siegfried nicht der Realität entsprach. Und dass auch er im höchsten Maße gewalttätig wurde, um sie für sich zu gewinnen. Am Ende bleibt ihr nur die wenig schmeichelhafte Einsicht, dass auch sie im Spiel von Macht und Begehren nur eine Randfigur war, die man nach Belieben wie auf einem Schachbrett hin und her geschoben hatte.

Daniela Ringe: Die Festspiele bringen den Konflikt genau vor den Dom. Wann wurde diese Kulisse für sie mehr als Hintergrund: als moralischer Zeuge, Machtarchitektur oder vielleicht sogar als Gegenbild zu Kriemhilds neuer Welt?

Anne Michel: Als Kriemhild beschließt, ihre eigenen Werte zu verleugnen, indem sie nur noch für ihre Rache lebt.

Daniela Ringe: Die Londoner Compagnie setzt bewusst auf große Mittel. Choreografierte Körper, Puppen, Illusionen, Tiere, Feuer und Popkonzert-Energie. Hat diese Überfülle die Tragödie greifbarer gemacht oder drohten dabei die primär schau spielerischen Szenen darin unterzugehen?

Anne Michel: Ich muss gestehen, dass ich anfangs, als ich las, dass das Stück von Oliver Lansley mit James Seager und der Londoner Compagnie Les Enfants Terribles inszeniert wird,
ziemlich skeptisch war. Deshalb habe ich bewusst nur sehr  wenige Vorberichte darüber gelesen. Ich wollte mir während der Vorstellung eine unvoreingenommene Meinung bilden. Ich empfand die Umsetzung meiner Lieblingssage in dieser modernen Inszenierung als überaus gelungen. Der Mix aus Schauspiel, Tanz, Puppenspiel, Illusion und Live-Musik verwob sich zu einer homogenen Gesamtheit, in der sowohl die Schauspieler als auch die anderen eingesetzten Elemente außer gewöhnliche Akzente setzten.

Daniela Ringe: Am Ende nimmt Kriemhild die bequeme Rolle des unschuldigen Opfers ein. Mit welchem Gefühl sind Sie aus der Vorstellung gegangen? Bewunderung, Abscheu, Verständnis oder vielleicht mit etwas Unbehagen?

Anne Michel: Kriemhild ist zugleich Opfer und Täter. Besonders verstörend war, das Kriemhild als Mutter den Tod ihres Sohnes
Ortlieb billigend in Kauf nahm. Und darüber hinaus ihn als Werkzeug ihrer Rache missbrauchte. Gewalt erzeugt immer wieder Gewalt. Kriemhild hat sich aus dieser teuflischen Spirale niemals befreien können.

Daniela Ringe: Die Aufführung wurde als großes Spektakel beworben und zugleich als Stück über Gerechtigkeit, Macht und Verantwortung verstanden. Was war für Sie am Ende stärker: der Rausch des Theaterabends oder der bittere Beigeschmack, den das historische Drama hinterlässt?

Anne Michel: Von allem etwas. Ja, es war ein großes Spektakel. Und ja, es waren die Anspielungen auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, die Spuren in mir hinterlassen haben. Frauen sind immer noch Objekte, die gegen ihren Willen verheiratet, benutzt oder ausgebeutet werden. In vielen Teilen der Welt sind sie recht- und schutzlos. Migranten werden immer noch argwöhnisch beäugt oder verfolgt. Die Gier nach Macht und Geld feiert auch noch im 21. Jahrhundert Triumphe. Mir scheint, dass die Historie und die Gegenwart nicht all zu weit auseinanderliegen. Viel haben die Menschen aus der Geschichte bisher nicht gelernt. Etzel bringt es auf den Punkt: „Die Leute glauben, Frieden sei die Abwesenheit von Krieg. Aber das stimmt nicht. Frieden ist die Erinnerung an Krieg“.

Daniela Ringe: Frau Michel, wenn Sie ein Resümee aus diesem Abend den Menschen mitgeben müssten, welches wäre es auch im Vergleich zu den Jahren davor?

Anne Michel: Ich habe schon sehr viele gute und auch schwächere Inszenierungen vor der unvergleichlichen Kulisse unseres Wormser Doms erlebt. Und nicht wenige davon sind
auf die eine oder andere Art immer noch präsent. „Die Hunnenkönigin“ wird in meinem Gedächtnis als eine der besten, wenn nicht sogar die beste Aufführung anlässlich der Nibelungen
Festspiele in meiner Erinnerung verbleiben.

Fazit
In jedem Jahr sind die Nibelungenfestspiele das herausragende Ereignis in Worms, der Höhepunkt der kulturellen Veranstaltungen! Der Wormser Dom als dominierendes Element,
verbunden mit dem unvergleichlichen Ambiente des Heylshofs, bietet den Besuchern eine Szenerie, die in dieser Form einzigartig in Deutschland ist. ▪ Text Daniela Ringe und Anne Michel