„Wenn die Reben die Richtung wechseln“
Wenn ein Hof den Besitzer wechselt, geht es selten nur um Grund und Gebäude. Die Herausgeberin des Wonnegauer Magazin Daniela Ringe sprach mit Mediatorin und Juristin Dr. Angela Scheugenpflug über Tradition, Vertrauen – und warum Zuhören das schönste Geschenk unter dem Weihnachtsbaum ist. Ein Gespräch über Hofübergaben, Generationen im Wandel und Vertrauen.
Daniela Ringe: Frau Dr. Scheugenpflug, gerade in Winzerfamilien erleben Sie als Mediatorin immer wieder Spannungen bei der Hofübergabe. Warum ist das Thema so heikel?
Angela Scheugenpflug: Weil es nicht nur um Besitz geht – sondern um Lebenswerke. Der Hof ist Identität, Geschichte, manchmal Stolz über viele Generationen. Wenn dann die Übergabe ansteht, prallen oft zwei Welten aufeinander: die der Eltern, die ihren Betrieb mit Herzblut aufgebaut haben, und die der jungen Generation, die etwa an der Hochschule Geisenheim University oder einer anderen modernen Ausbildungsstätte studiert hat und neue Ideen mitbringt. Zwischen diesen Blickwinkeln liegt viel Gefühl – und manchmal auch Misstrauen.
Daniela Ringe: Was genau löst dieses Misstrauen aus?
Angela Scheugenpflug: Häufig ist es die Angst, loszulassen. Die ältere Generation möchte zwar übergeben, aber oft nicht wirklich abgeben. Gleichzeitig fühlt sich die Hofnachfolgerin oder der Hofnachfolger kontrolliert oder unterschätzt. Wenn neue Rebsorten ausprobiert oder der Vertrieb digitalisiert werden soll, erleben die Eltern das manchmal als Infragestellung ihrer Lebensleistung. Allerdings fühlt sich die junge Generation gebremst, obwohl sie Verantwortung übernehmen möchte. Und genau hier beginnen die Verletzungen – leise, aber tief.
Gedanken zur Symbolik der Hofübergabe
Was mich an Hofübergaben besonders bewegt, ist dieser Moment des gegenseitigen Loslassens. Es ist wie beim Rebschnitt: Man trennt sich von Altem, um Neues wachsen zu lassen. In der Mediation ist das nicht anders – alte Muster, Erwartungen oder Verletzungen dürfen abgeschnitten werden, damit Vertrauen nachwachsen kann. Und genau darin liegt für mich die tiefere Symbolik jeder Hofübergabe.
Angela Scheugenpflug
Daniela Ringe: Was kann Mediation in so einer Situation leisten?
Angela Scheugenpflug: Mediation schafft einen geschützten Raum, in dem alle Beteiligten ihre Sicht aussprechen dürfen – ohne Bewertung. Es geht um Anerkennung, Vertrauen, aber auch um neue Rollen. Die Eltern müssen lernen, loszulassen, ohne das Gefühl zu haben, alles zu verlieren. Und die junge Generation muss lernen, Altes zu respektieren, ohne sich darin zu verlieren. Erst wenn beides gelingt, entsteht ein echter Generationenwechsel, statt nur ein Wechsel der Eigentumsurkunde.
Daniela Ringe: Wie läuft solch eine Mediation ab?
Angela Scheugenpflug: Ich beginne meist mit Einzelgesprächen. Da darf jeder einmal alles sagen – ehrlich, ohne Rücksicht. Erst wenn die Emotionen Platz gefunden haben, bringe ich beide Generationen zusammen. Dann geht es um das Verstehen. Oft reicht ein einziger Satz, der alles verändert – etwa:
„Ich sehe, wie viel dir dieser Hof bedeutet.“ oder „Ich merke, dass du Verantwortung übernehmen willst.“
Und manchmal kommen dann Worte, die lange unausgesprochen waren:
Von der älteren Generation höre ich Sätze wie:
„Ich habe so viel Zeit und Herzblut hineingelegt – ich weiß nicht, ob jemand das so weiterführen kann.“ oder „Ich möchte dich schützen vor Fehlern, die ich selbst gemacht habe.“
Von der jüngeren Generation höre ich dagegen:
„Ich brauche dein Vertrauen, sonst kann ich mein eigenes Herz nicht in die Arbeit legen.“ oder „Ich möchte dich stolz machen, auch wenn ich manches anders sehe.“
Das sind die Augenblicke, in denen meine Mediation die Herzen und die Tradition miteinander versöhnt und die Tore für die Zukunft und die Aufrechterhaltung des Kulturgutes Weinbau öffnet.
Daniela Ringe: Sie sprechen Weihnachten an – das ist traditionell die Zeit, in der viele Familien zusammenkommen. Was würden Sie Winzerfamilien in dieser Situation wünschen?
Angela Scheugenpflug: Dass sie sich trauen, miteinander zu sprechen, bevor etwas zerbricht. Dass sie offen sind für den Mut der jungen Generation – und umgekehrt den Wert der Erfahrung schätzen. Eine Hofübergabe ist kein Ende, sondern ein Übergang. Wenn beide Seiten das begreifen, wird sie zu einem neuen Anfang. Und gerade zu Weihnachten wünsche ich mir, dass Familien sich dieses Geschenk machen: einander wieder zuzuhören.
Text: Daniela Ringe
Rechtlicher Blick der Juristin
Jede Hofübergabe sollte nicht nur emotional bewältigt, sondern auch rechtlich sorgfältig gestaltet werden. In der Praxis bewähren sich insbesondere:
- Altenteilsvereinbarungen (Wohnrecht, Pflege, Versorgung)
- Nießbrauchsrechte für die übergebende Generation
- Abfindungs- und Pflichtteilsregelungen zur Gestaltung des guten Verhältnisses zu möglichen Geschwistern des Erwerbers/der Erwerberin
Klare Betriebsübergabeverträge, die steuerliche und erbrechtliche Fragen transparent regeln.
PrimaMediation

Dr. jur. Angela Scheugenpflug
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